Noch lebende ältere Politiker, Schriftsteller, Jazzmusiker u. a. belegt man häufig mit dem Titel Urgestein. Und wenn sie dann gestorben sind, avancieren sie zu „Legenden“. Die Bezeichnung „Comedian“ ist zwar relativ jung, doch lassen sich diese Begriffe auch auf diesen Personenkreis anwenden. So ist beispielsweise Karl Valentin eine Legende im Bereich der Komik.
Die Kategorisierung Comedian ist wie gesagt relativ jung. Sie ist erst im Zeitalter des Fernsehens entstanden. Früher nannte man sie Komiker, etwas anspruchsvoller Kabarettisten. Im Multimedia-Zeitalter haben sich die Unterschiede verwisscht. Ich würde Vico von Bülow, alias Loriot, und auch Hanns Dieter Hüsch ungern als Comedian – muss da eigentlich ein Mehrzall-S stehen? – nennen. Aber Loriot ist ein Urgestein, und Hüsch eine Legende.
Nun habe ich mich auf dem Gebiet der Glosse schon seit Anfang der 60-er Jahre getummelt. Es gibt dazu noch schriftliche Dokumente. Ich könnte mich also selbst zum Urgestein küren. Darum will ich einen Hinweis auf meine Anfangszeit wagen.
Es begann gewissermaßen im 1. Schuljahr, also mit sechs Jahren. Der Klassenlehrer ermutigte uns, ein lustiges Rätsel oder Ähnliches zum Besten zu geben. Ich meldete mich und fragte: „Was glänzt am meisten in der Kirche?“ Ich besuchte eine katholische Volksschule! Die Antworten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler trafen nicht das Ergebnis. Sie nannten beispielsweise die Kerzen, die Monstranz, die Kirchenfenster und anderes. Ich wurde schließlich aufgefordert, die richtige Antwort zu nennen. „Es ist der Tropfen an der Nase des Pastors!“ Die Klassenkameraden lachten, der Klassenlehrer lächelte sauer-süß und sagte: „Johannes, Johannes, wenn ich das dem Herrn Dechanten erzählen würde!?!
Die Abstände zu meinen Entwicklungsstufen im Bereich des Humors wurden danach etwas länger. Doch schon im vierten Schuljahr konnte ich auf einem Elternabend meine Begabung im literarischen Fach Burleske unter Beweis stellen. Ein Programmpunkt war die szenische Aufführung des Gedichts „Der rechte Barbier“ von Adelbert von Chamisso. Ich spielte den bärbeißigen streunenden Vagabunden, der „nach Philisterart“ sich den Bart stutzen lassen wollte. In der Dorfschänke rief ich dem Barbier zu: „Einhundert Batzen mein Gebot, falls du die Kunst besitzest. Doch merk es dir, ich stech dich tot, so du die Haut mir ritzest!“ Das war die Hauptrolle. Den witzigen Part hatte jedoch der Babierlehrling, der nach dem feigen Verzicht des Meisters und des Gesellen sich traute, dieses gefährliche Geschäft zu wagen und es auch gewann. „Nimm kleiner Molch dein Geld nur hin. Du bist ein wahrer Teufel. Kein Andrer mochte den Gewinn. Du hegtest keinen Zweifel. Es kam das Zittern dich nicht an, und wenn ein Tröpfchen Blutes rann, so stach ich dich doch nieder“. Antwort des Lehrlings: „Ei, guter Herr, so stand es nicht. Ich hielt Euch an der Kehle, verzucktet Ihr nur das Gesicht, und ging der Schnitt mir fehle, so ließ ich Euch dazu nicht Zeit. Entschlossen war ich und bereit, die Kehl Euch abzuschneiden.“ Der Applaus galt allen Mitwirkenden.
Eine kritische gesellschaftspolitische Anmerkung. Das war eine „Performence“, würde man heute denglisch sagen, der vierten Klasse der Volksschule, analog zur heutigen Grundschule. Kann man sich das heute noch vorstellen? Wahrscheinlich liegt es an der zu geringen Schnittmenge geeigneter Schülerinnen und Schüler, kürzer gesagt, geeigneter Kids.
Es gibt noch einige weitere Beispiele meiner sich anbahnende Comedian-Karriere. Das würde jedoch den Rahmen dieser Rückbesinnung sprengen.
Ägidius Habakuk