Name nur Schall und Rauch?

Mindestens einmal pro Jahr listen Tageszeitungen die bevorzugten Vornamen für neugeborene Kinder auf. In den zurückliegenden Jahren überwiegten herkömmliche Namen sowohl für Mädchen als auch für Jungen. Seit einiger Zeit zeichnet sich eine auffallende Wende ab. In meiner Tageszeitung, „Deutschlands größte Regionalzeitung“ , sie erscheint im Ruhrgebiet, dominieren inzwischen bisher ungewöhnliche Vornamen. Oft ist nicht festzustellen, ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. In der deutschen Vergangenheit gab es nur wenige Vornamen, an denen das Geschlecht nicht zu erkennen war. Fast immer handelte es sich um Verkleinerungsformen. Ich kannte Tonis beiderlei Geschlechts. Lange Zeit konnte ich Mario und Marion nicht richtig zuordnen, was ich inzwischen kann.

Bezeichnenderweise überwiegen gegenwärtig in den Gesellschaftsnachrichten die Todesanzeigen gegenüber den Geburtsanzeigen. Das führt zu einem interessanten Vergleich. Während Neugeborene mehrheitlich ungewöhnliche Modenamen bekommen, sind die Namen der Verblichenen fast ausschließlich herkömmlichen Ursprungs.

Die Frage ist, was veranlaßt Eltern, ihren Kindern die absonderlichsten Vornamen zu geben. Es hat immer schon „Modevornamen“ gegeben. Mal waren es die Namen von regierenden Königen, von historischen Größen oder, neuerdings, von Schaupielern und Popstars. Kevin war längere Zeit solch ein typisches Beispiel. Doch mehren sich in letzter Zeit Namen, deren Ursprung nicht auszumachen ist.

Neulich las ich in den „Gesellschaftsnachrichten“ meiner Tageszeitung den Vornamen Toya Enola Cheyenne für ein Mädchen mit ganz und gar bürgerlichem Hausnamen, wie etwa „Ölmüller“. Auch die sich mitfreuenden Groß- und Urgroßeltern hatten unspektakuläre Vor-und Hausnamen.

Oft stellt man fest, dass besonders schlichte Eltern ihren Kindern ungewöhnliche und, wie sie empfinden, wohlklingende Vornamen geben. Da wird im Supermarkt die kleine Dominique von ihrer jungen Mutter zur Einschränkung ihres Bewegungsdranges gemahnt: „Dominikwe, komm dabei weg!“

Ein weiteres authentisches Beispiel: Eine Kinderärztin im Ruhrgebiet wurde zu einer Arbeiterfamilie mit mehreren Kindern gerufen, weil die jüngste Tochter krank war. Die Ärztin fragte, wie das etwa vierjährige Mädchen hieße. „Elvira Ramona“, war die Antwort der stolzen Mutter. „Und was fehlt der Kleinen?“, fragte die Ärztin. „Kann nicht kacken.“ Welch herrliche Übereinstimmung von Namenswahl und Umgangssprache.

Ein mir gut bekannter Schriftsteller fand die Diskrepanz zwischen den wohlklingenden (französischen) Vor- und eher ulkigen Nachnamen Schweizer Bürger für witzig. Als Beispiel erfand er folgende Kombination: Jean-Jacques Fürzli.

Verzeihung, aber Ähnliches fällt mir beim Lesen mancher Geburtsanzeigen in meiner Tageszeitung ein.

Ägidius

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