
Es gibt auch eine Weinlese-Kompetenz
Wenn man im September mit dem Begriff Lesekompetenz konfrontiert wird, dann fällt einem Weinfreund natürlich erst einmal die Weinlese ein. Dass zu dieser Tätigkeit auch eine gehörige Portion an Kompetenz gehört, ist eigentlich selbstverständlich. Doch beim Philosophieren über den tieferen, umfassenderen Sinn des Wortes denkt man auch darüber nach, welche Voraussetzungen für Kompetenzgewinnung erforderlich sind, wie so ein Prozess abläuft und welche Auswirkungen dieser Vorgang hat.
Mir fallen bei vielen Worten assoziativ eine Reihe von Texten ein. In diesem Fall beispielsweise der Anfang eines Gedichtes.
Freunde, Wasser machet stumm.
Dieses lernet von den Fischen.
Doch beim Wein da kehrt sich’s um.
Dieses lernt an unseren Tischen.
Ich weiß nicht mehr, wer diese Verse geschrieben hat, aber den Inhalt kann ich nachvollziehen. Ein anderer Vers, dessen Autor mir ebenfalls entfallen ist, lautet:
Wein ist stärker als das Wasser.
Dies gestehn selbst seine Hasser.
Wasser reisst wohl Bäume um
Und hat Häuser umgerissen.
Und ihr wundert auch darum,
dass der Wein mich umgeschmissen?
Eine ähnlich Aussage zu Auswirkungen des Weingenusses macht Wilhelm Busch in einem Gedicht aus dem Zyklus „Kritik des Herzens":
Sie stritten sich beim Wein herum,
was das nun wieder wäre;
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm
Und wider die Menschliche Ehre.
Sie tranken manchen Humpen aus,
Sie stolperten aus den Türen,
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
Gekrochen auf allen vieren.
Eine unerschöpfliche Schatztruhe mit Texten über Wein ist die Bibel. Das Alte Testament ist voll von Quellen aus den unterschiedlichsten Büchern. So heißt es beispielsweise bei Jesaja 27, 2 - 4:
An jenem Tag gibt es einen prächtigen Weinberg. Besingt ihn in einem Lied!
ch, der Herr, bin sein Wächter, immer wieder bewässere ich ihn.
Damit niemand ihm schadet, bewache ich ihn bei Tag und bei Nacht.
Bekannt ist auch das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg bei Matthäus 20, 1-16. Anzunehmen ist, dass der Gutsbesitzer von der Wein-Lese-Kompetenz der Arbeiter überzeugt war.
Alle diese Texte entstanden im Bereich des Mittelmeerraums. Erst viel später wurde auch der Wein bei uns sesshaft und die Weinkultur bei uns entwickelt. Es waren Mönche, die uns mit ihm vertraut machten. Dass der Wein inzwischen in unseren Breiten eine solche Verbreitung und hohe Qualität entfaltet hat, zeugt sicher wesentlich von der Wein-(Lese-)Kompetenz der Patres und Brüder.
Schlussfolgernd kann man sagen, dass diese Beispiele ein Hinweis auf die Vermittlbarkeit von Kompetenz ist. Das sollte uns ermutigen, in unseren Bemühungen um die Vermittlung von literarischer Lesekompetenz nicht zu erlahmen.
Ägidius Habakuk