Es gibt von Eugen Roth ein Gedicht, in dem ein unrasierter Mann den Freuden eines erotischen Abenteuers entsagen muss. Es heißt dort:
Ein Mensch – und das geschieht nicht oft –
Bekommt Besuch, ganz unverhofft,
Von einem jungen Frauenzimmer,
Das grad, aus was für Gründen immer –
Vielleicht aus ziemlich hintergründigen –
Bereit ist, diese Nacht zu sündigen.
Der Mensch müsst nur die Arme breiten,
Dann würde sie in diese gleiten.
Der Mensch jedoch den Mut verliert,
Denn leider ist er unrasiert.
Ein Mann mit schlecht geschabtem Kinn
Verfehlt der Stunde Glücksgewinn,
Und wird er schließlich doch noch zärtlich,
wird ers zu spät und auch noch bärtlich.
Infolge schwacher Reizentfaltung
Gewinnt die Dame wieder Haltung
Und lässt den Menschen, rauh von Stoppeln,
Vergebens seine Müh verdoppeln.
Des Menschen Kinn ist seitdem glatt –
Doch findet kein Besuch mehr statt.
Heute ist es, wie man aus entsprechenden Gazetten, Talkshows und Fernsehfilmen erfährt, eher umgekehrt. Männer mit Dreitagebärten leiden nicht an „schwacher Reizentfaltung". Und wenn sie zusätzlich noch glatzköpfig sind, na dann sind wohl alle Voraussetzungen für „Stunden des Glücksgewinns" gegeben.
Ägidius Habakuk