Ich hab da ’ne Blutrache am Laufen

Das Ruhrgebiets-Deutsch hat zwar in den letzten Jahren Dank beliebter Kabarettisten (z. B. Herbert Knebel, Dr. Stratmann) fast „Kult-Status“ erreicht. Ihm haften jedoch immer noch Negativurteile an. Da ist zum Beispiel die Wendung „Ich hab da ’ne Blutrache am Laufen“. Das sagt der Hiwi-Germane in dem Sketch von Jürgen von Manger – einige kennen ihn wohl besser unter dem Namen Adolf Tegtmeyer – zu seinem Kameraden vor dem Zelt des Centurios als Begründung für einen Sonderurlaub, den er beantragen will. Er kommt nämlich aus Jütland und soll dort den Tod eines Onkels rächen.

Warum ich diese Szene erwähne? Sie ist ein gutes Beispiel für eine Sonderform in der Grammatik der deutschen Sprache, die vorwiegend im Ruhrgebiet (und sehr häufig auch im Rheinland) gebraucht wird. Sie gilt einigen Philologen streng genommen nicht als richtig, genauer gesagt als nicht „standardsprachlich“. Sie ist aber eigentlich recht sinnvoll. Andere Sprachen benutzen die „Verlaufsform“ ganz selbstverständlich. Im Englischen unterscheidet man sehr wohl zwischen zwei Aussageformen, die bei uns nicht so genau genommen werden. Wenn ein Brite sagt: „I play the piano“, dann meint er, dass er grundsätzlich Klavierspielen kann. Wenn er jedoch am Piano sitzt und gefragt würde, was er mache, dann würde er antworten: „I am playing the piano“.

Übrigens ist diese feine Unterscheidung Gegenstand eines Witzes. Als Graf Poldy einmal gefragt wurde: „Spielen Sie Klavier?“, antwortet er: „Nein, hören Sie was?“ Auch Loriot benutzt diese Unterscheidung in seinem Sketch „Skat“. In einem Lokal suchen zwei Männer den unerlässlichen dritten Mann. Sie fragen den am Nebentisch sitzenden Loriot: „Spielen Sie Skat?“ Der antwortet: „Im Moment nicht.“

Schlag nach bei Google

Ich wollte natürlich sicher gehen, ob ich mit meiner Einschätzung Recht habe. Darum gab ich bei Google den Begriff „Verlaufsform“ ein und erhielt einen Beitrag aus der Duden-Website mit dem Titel „Zur Verlaufsform im Deutschen“ von Annette Klosa von der Dudenredaktion Mannheim. Schon die Kapitelüberschriften verleiten zum Schmunzeln. „Die Verlaufsform ist sich am Ausbreiten“ und „Die Grammatikschreibung ist sich am Ändern“. Als Beispiele zitiert die Autorin die sich wandelnde Beschreibung der Verlaufsform in den verschiedenen Auflagen der Duden-Grammatik. „In der neuesten Auflage ist nun vermerkt, dass die Verwendung der Verlaufsform mit »am« nicht nur landschaftlich, »sondern schon auch standardsprachlich, besonders in der gesprochene Sprache möglich« sei“.

Ägidius Habakuk

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