Elektronische Eheanbahnung

Heiratsvermittlung ist eine jahrtausendealte Einrichtung. Wahrscheinlich haben sich schon viele unserer frühesten Vorfahren „auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege“ kennen und lieben gelernt. Im Alten Testament wird berichtet, dass Abraham seinen Hausknecht Eliezer nach Mesopotamien sandte, um für Isaak eine Frau zu suchen. Dass derartige Bemühungen heute anders aussehen als zu Methusalems Zeiten, leuchtet ein. Da gibt es die „Heirats-Annoncen“ in den Zeitungen, da gibt es renommierte „Eheanbahnungsinstitute“. Die Entwicklung auf diesem Sektor mitmenschlicher Beziehungen bleibt jedoch nicht bei der Nutzbarmachung der Buchdruckerkunst stehen. Was liegt näher, als dass im Zeitalter der Automation und der elektronischen Erledigung komplizierter Verwaltungsvorgänge auch die Eheanbahnungsinstitute sich dieser neuesten Errungenschaft der Technik bedienen.

Sie meinen jetzt sicher, ich würde scherzen. Mitnichten. So etwas gibt es tatsächlich. Gelesen habe ich es von – Sie werden es kaum erraten – Amerika. Aber nicht nur im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist man zur elektronischen Eheanbahnung übergegangen. Laut einer Rundfunkmeldung arbeitet in Kopenhagen ein dänisches Eheanbahnungsinstitut ebenfalls mit einem Elektronengehirn.

Die Frau fürs Leben — 10 Jahre Garantie!

Nach meinen Informationen muss der kontaktsuchende Kunde dieses Unternehmens einen umfangreichen Fragebogen mit etwa 200 Fragen ausfüllen. Dabei geht es nicht nur um seine Körpergröße, Haarfarbe, Einkommensverhältnisse und Hobbies. Das Institut leistet gründliche Arbeit. Es ermittelt auch die charakterlichen Anlagen. Dabei geht es selbstverständlich diskret und taktvoll vor. Man fragt nicht etwa: Sind Sie eine harmonische Natur oder unterliegen Sie Launen und Stimmungen? Lassen Sie sich des Öfteren gehen? Zerschlagen Sie im Zorn Einrichtungsgegenstände? Der Kunde merkt gar nicht, wie er durch die Beantwortung harmlos klingender Fragen sein Seelenleben entblößt: Mögen Sie Maiglöckchen lieber als Löwenzahn? Welches ist Ihre Lieblingsfarbe? Nennen Sie einige Ihnen besonders sympathische Filmschauspielerinnen.

Mit diesen Angaben wird das Elektronengehirn „gefüttert“, wie es im Fachjargon heißt. (Der korrekte wissenschaftliche Ausdruck lautet „programmiert“.) Dann surrt die Maschine kurz, es blinken unzählige rote und grüne Lämpchen auf, und in den Spulen, Drähten, Transistoren und Speicherplatten entscheidet sich Ihr Schicksal. Die Maschine spuckt in Sekundenschnelle drei Karten aus. – Freie Auswahl! Sie dürfen natürlich nur eine der ermittelten Partnerinnen heiraten, das versteht sich von selbst. Aber eins ist noch wichtig: Sie wissen, dass wir nicht nur in einer technischen Welt, sondern auch im Zeitalter der Versicherungen leben. Man kann alles und sich gegen alles versichern lassen. Was wundert's, dass auch die elektronische Eheanbahnung mit einer Garantie-Erklärung verbunden ist. Laut Radiomeldung: Wenn die Ehe nach ein paar Jährchen nicht klappt, wird Ihnen kostenlos ein Psychologe ins Haus geschickt. Wenn das immer noch nicht geholfen hat, bekommen Sie Ihr Geld zurück.

Bei dieser Meldung verschlägt es einem fast den Atem. „Das ist aber doch wohl das Letzte, was das technische Zeitalter uns zu bieten hat“, war meine erste Reaktion. Ich habe dann aber den Fall in allen seinen Konsequenzen einmal durchdacht und kam zu dem Schluss, dass dieses Verfahren eigentlich gar nicht so abwegig ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Was geht bei einer Vermittlung in den „klassischen“ Eheanbahnungsinstituten im Wesentlichen vor sich? Das Institut hat eine große Anzahl von kontaktsuchenden Kunden männlichen und weiblichen Geschlechts. Es führt eine Kartei, in der möglichst umfangreiche Angaben über diese Menschen enthalten sind. Wenn nun eine konkrete Vermittlung gewünscht wird, versucht der verantwortliche Angestellte, aus dieser Kartei einen oder mehrere dem Wunsch und den persönlichen Gegebenheiten des Kunden gerecht werdende Vorschläge zu machen. Der Rat suchende Mann möchte eine katholische Lebensgefährtin; ein Großteil der vorhandenen Möglichkeiten scheidet also automatisch aus. Sie soll zwischen 25 und 30 Jahren alt sein; der in Frage kommende Kreis wird wieder kleiner. Eine Gefährtin aus der gleichen sozialen Schicht wäre ebenfalls wünschenswert; es werden immer weniger Karteikarten. Wenn dann noch die Neigungen, Charaktereigenschaften und äußeren Vorzüge berücksichtigt werden, bleibt nur noch eine Auswahl von vielleicht zwei oder drei möglichen Partnerinnen.

Der gleiche Vorgang spielt sich in der elektronischen Eheanbahnungsmaschine ab. Das Abwägen der gegebenen Voraussetzungen mit den gestellten Anforderungen – eine reine Sortierfunktion – wird nicht von einem Angestellten vorgenommen, sondern von der „Denkmaschine“. Ob die Zuverlässigkeit des Menschen dabei größer ist als die der Maschine, ist eine Frage. Vielleicht war der Angestellte gerade schlechter Laune; er hatte möglicherweise an dem Tag eine unangenehme Magenverstimmung; all das kann sich auf seine verantwortungsvolle Tätigkeit auswirken. Wenn er im Augenblick gar schlecht auf seine eigene Frau zu sprechen ist – ein belangloser Ehestreit – wie wird da die Anbahnung einer „harmonischen und idealen Ehe“ aussehen? Er wird in jedem Fall, bei guter oder schlechter Laune, seine eigenen Vorstellungen, Vorlieben und Vorurteile mit in den Rat einfließen lassen. Es irrt der Mensch, solang er lebt – Goethe. Die Maschine ist nüchterner, vorurteilsloser, sachlicher. Eigenschaften, die bei der Anspinnung zarter Liebesbande meistens zu kurz kommen. Ist diese „Leidenschaftslosigkeit“ der Maschine in diesem Fall nicht ein Vorteil?!

Erkennungszeichen: Nelke im Knopfloch

 Auf jeden Fall trifft der Heiratslustige selbst die Entscheidung, wen er heiraten wird. In beiden Fällen wird mit einer der in Frage kommenden Personen ein Zusammentreffen arrangiert, auf dem sich früher oder später herausstellt, ob der Angestellte des Eheanbahnungsinstitutes (oder das Elektronengehirn) den richtigen Vorschlag gemacht hat. Und was die Entsendung eines Psychologen bei Komplikationen angeht, so gibt es seit Jahrzehnten (auch katholische) Eheberatungsstellen.

Zurück zur Natur!

 So neu und so revolutionierend ist eigentlich diese Geschichte gar nicht. Wir sind nur leicht geneigt, die Technik der Kultur- oder Menschenfeindlichkeit zu verdächtigen. Immer wieder wird die Natur gegen die Technik ausgespielt. Worin besteht eigentlich ein Gegensatz zwischen Natur und Technik? Ist die Technik nicht ein legitimes Kind der „Natur“-wissenschaften? ... „Machet euch die Erde untertan“, bedient euch der Technik, der Automation. Lasst Maschinen für euch arbeiten, lasst Elektronengehirne für euch denken. Nur eins tut nicht: Verdammt nicht die von Gott in Seine Schöpfung gelegten Kräfte und stempelt sie nicht zu Mächten des Teufels.
Aegidius Habakuk

(Der Artikel aus dem Jahr 1963 wurde leicht gekürzt und der neuen Rechtschreibung angepasst.)

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