Der Natur riss einfach die Geduld

In vielen Meldungen, die sich mit Veränderungen in unserem Global-Haushalt befassen, stellt sich mir die Frage, wie lange sich die Natur unsere Eingriffe in ihre Gesetzmäßigkeiten gefallen lässt. Abschmelzung der Polarkappen, Vernichtung der Regenwälder, Vergrößerung des Ozonlochs und und und, das sind doch alles Meldungen, die uns alarmieren müssten. Da gibt es das Kyoto-Protokoll mit den zögerlichen Anerkennungen, z.B. Russland, und den Nicht-Anerkennungen, z.B. USA. Als Begründung dieser Ablehnung kommt mir nur der leider abgegriffene Spruch „Nach mir die Sintflut“ in den Sinn.

Gott sei Dank gibt es Organisationen und Einzelpersonen, die sich vehement diesem Trend des Nichtwahrhabenwollens und des oben zitierten Nachmirdiesintflut widersetzen. Ein unverdächtiger Zeitgenosse, der jedoch nicht mehr lebt, hat sich schon vor geraumer Zeit zu dieser Thematik geäußert. Durch seine literarische Hinterlassenschaft könnte noch mehr erreicht werden, wenn unsere durch Pisa-Studien entlarvte jüngere – und unsere durch „Wer wird Millionär“ entlarvte mittlere – Generation sich ähnliche Szenarien ausmalen würden, wie er sie in vielen seiner satirischen Gedichte darstellt.

Gemeint ist Erich Kästner. Eines dieser Gedichte spiegelt „naturgetreu“ unsere Spaßgesellschaft wider, (wobei es zu seiner Zeit noch nicht den Begriff „Spaßgesellschaft“ gab). Es heißt:

Maskenball im Hochgebirge

Eines schönen Abends wurden alle
Gäste des Hotels verrückt, und sie
rannten schlagerbrüllend aus der Halle
in die Dunkelheit und fuhren Ski.

Und sie sausten über weiße Hänge.
Und der Vollmond wurde förmlich fahl.
Und er zog sich staunend in die Länge.
So etwas sah er zum erstenmal.

Manche Frauen trugen nichts als Flitter.
Andre Frauen waren in Trikots.
Ein Fabrikdirektor kam als Ritter.
Und der Helm war ihm zwei Kopf zu groß.

Sieben Rehe starben auf der Stelle.
Diese armen Tiere traf der Schlag.
Möglich, daß es an der Jazzkapelle –
denn auch die war mitgefahren – lag.

Die Umgebung glich gefrornen Betten.
Auf die Abendkleider fiel der Reif.
Zähne klapperten wie Kastagnetten.
Frau von Cottas Brüste wurden steif.

Das Gebirge machte böse Miene.
Das Gebirge wollte seine Ruh.
Und mit einer mittleren Lawine
deckte es die blöde Bande zu.

Dieser Vorgang ist ganz leicht erklärlich.
Der Natur riß einfach die Geduld.
Andre Gründe hierfür gibt es schwerlich.
Den Verkehrsverein trifft keine Schuld.

Man begrub die kalten Herrn und Damen.
Und auch etwas Gutes war dabei:
für die Gäste, die am Mittwoch kamen,
wurden endlich ein paar Zimmer frei.


Ägidius Habakuk

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